Hochbegabung heißt auch: mehr Denken, mehr Wahrnehmen und mehr Fühlen

Hochbegabung prägt die gesamte Persönlichkeit. Doch wie ist ein mehr Denken-Wahrnehmen-Fühlen zu verstehen und welche Auswirkungen hat dies auf den Alltag?

 

Mehr denken?

Hochbegabte denken pausenlos. Ohne Unterlass. Sie analysieren, sie assoziieren, sie antizipieren. Stellen sich verschiedenste Szenarien vor, rücken verschiedenste Möglichkeiten in unterschiedliche Perspektiven und denken auch darüber wieder nach. Wenn sie das tun, dann tun sie das mit allen Sinnen, mit hoher Intensität und nahezu rund um die Uhr.

Denn die Gedanken hochbegabter Menschen breiten sich netzwerkartig aus. Sie denken gleichzeitig auf mehreren Achsen. Das führt wiederum zu einer komplexen Fähigkeit ihre Aufmerksamkeit zu verteilen.

  • einfaches Erfassen von komplexen Zusammenhängen unter Berücksichtigung zahlreicher Aspekte
  • eigenständiges Denken mit neuen Ideen und Gedanken sowie weitreichender Überlegungen
  • schnelleres Denken
  • schwer tun mit einfachen Aufgaben und bei Alltagsroutine

 

Ihr Denken ist so schnell, dass ihre Gedanken schon viel weiter voraus sind als die von anderen. Oft müssen sie daher lange warten, langsamer tun und sind geistig unterfordert, was zu Ungeduld und Langeweile führt. Diese Langeweile ist kein kreativer Zustand sondern ein bohrendes Gefühl, das die eigene Energie absaugt. Immer zu warten, nicht das eigene Tempo gehen zu können, führt unter anderem zu Entfremdungsgefühlen und zu Aggressionen. Denn es ist ein ständiger Anpassungsakt, der von Hochbegabten geleistet wird, um dem Normalen zu entsprechen.

 

Mehr wahrnehmen?

Die Wahrnehmung bei Menschen mit Hochbegabung ist umfassender. Nach Siaud-Facchin handelt es sich um eine übersteigerte Sinneswahrnehmung, die von einem ständigen Erfassen und Analysieren geprägt ist.

Die meisten Hochbegabten nehmen Sinneseindrücke wie Gerüche, Licht, Geräusche und Berührung intensiver wahr als andere. Sie besitzen eine hohe sensorische Auffassungsgabe, eine gute Detailwahrnehmung und eine erhöhte visuelle Wahrnehmung. Neben vielen positiven Auswirkungen wie zum Beispiel besondere gestalterische Fähigkeiten aufgrund ausgeprägter visueller Wahrnehmung führt dies auch zu zahlreichen negativen Effekten:

  • Lärm-, Licht-, und Berührungsempfindlichkeit
  • rasche Reizüberflutung
  • Ablenkbarkeit aufgrund zu viel auf einmal erfassen
  • herabgesetzte Schmerzgrenze
  • vermeiden von Körperkontakt

 

Mehr fühlen?

Viele denken bei hochbegabten Erwachsenen an unterkühlte Menschen, die rein rational denken und handeln. Doch dieses Vorurteil ist ein großer Irrtum. Zahlreiche Hochbegabte sind hoch affektive Menschen, die zuerst mit ihren Gefühlen denken und erst dann mit ihrem Kopf. Diese hohe Affektivität ist vielleicht ihre zentralste Eigenschaft.

 

Sie sind sensibel. Sie sind feinfühlig. Sie haben ein reiches und intensives Gefühlsleben. Viele besitzen eine sehr ausgeprägte Empathiefähigkeit. Des Weiteren nehmen sie zwischenmenschliche Stimmungen und Unausgesprochenes oft haarscharf wahr und erleben diese meist stärker als andere. Sie besitzen einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

 

Andererseits kann dieses mehr fühlen auch bedrohlich empfunden werden und ein Schutzpanzer wird über Jahre hinweg von den Betroffenen aufgebaut.

 

 

Quellen

Andrea Brackmann: Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel? Die seelischen und sozialen Aspekte der Hochbegabung bei Kindern und Erwachsenen

Andrea Brackmann: Ganz normal hochbegabt. Leben als hochbegabter Erwachsener

Jeanne Siaud-Facchin: Zu intelligent um glücklich zu sein? Was es heißt, hochbegabt zu sein